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443 Die kleine Erzählung von Bodhi - Cullabodhi-Jataka

443 Die kleine Erzählung von Bodhi - Cullabodhi-Jataka

Summary: url=./index.html#j443 Ein frommer Mann betätigt mit seiner Gattin die Weltflucht. Auf der Wanderung kommen sie in den Park eines Königs, der in Leidenschaft für die Frau entbrennt. Weil ihm der Asket nicht sagt, daß sie seine Frau sei, nimmt er sie ihm weg; doch sie tut nicht nach seinem Willen. Der König sucht hierauf den Asketen auf um zu sehen, ob dieser nicht zornig ist; dieser aber fesselt ihn durch seine Worte so, daß er auf seine Lust verzichtet und die Frau wieder freigibt.

J 443 {Sutta: J iv 026|J 443|J 443} {Vaṇṇanā: atta. J 443|atta. J 443}

Die kleine Erzählung von Bodhi

443

Cullabodhi-Jataka (Cūḷabodhijātakaṃ)(1)

übersetzt aus dem Pali ins Deutsche:

Julius Dutoit

Wenn einer dir die Anmutsvolle

[§A] Hover: Gegenwartsgeschichte: Vorgeschichte

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Zornigen. Obwohl nämlich in der zum Heile führenden Lehre Mönch geworden, konnte dieser seinen Zorn nicht zügeln. Er war zornig und oft voll Ärger; wenn ihm nur etwas weniges gesagt wurde, wurde er ärgerlich und zornig, wurde übelwollend und verstockt. Als der Meister von dessen Neigung zum Zorn erfuhr, ließ er ihn zu sich rufen und fragte: „Ist es wahr, o Mönch, dass du zornig bist?“ Als dieser antwortete: „Es ist wahr, Herr“, sprach er weiter: „O Mönch, der Zorn muss zurückgehalten werden; ein solcher Schadenbringer kann weder in dieser noch in einer andern Welt bestehen. Warum zürnst du, da du doch im Orden des nie zürnenden völlig Erleuchteten Mönch geworden bist? In der Vorzeit betätigten die Weisen ihren Zorn nicht, obwohl sie in einer ketzerischen Lehre die Weltflucht ausgeführt hatten.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

[§B] Hover: Geschichte aus der Vergangenheit

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wohnte in einem Flecken des Reiches Kasi ein wohlhabender, vermögender, reichbegüterter Brahmane. Dieser war kinderlos und seine Gattin wünschte sich einen Sohn. Damals verließ der Bodhisattva die Brahmawelt und nahm im Leibe von dessen Gattin seine Wiedergeburt; um Namengebungstage erhielt er den Namen Prinz Modhi(2). Als er herangewachsen war, begab er sich nach Takkasilā und erlernte dort alle Künste; nachdem er dann zurückgekehrt war, führten ihm seine Eltern gegen seinen Wunsch ein Mädchen aus einer entsprechenden Familie als Gattin zu. Auch dies war aus der Brahmawelt hervorgegangen; es war von höchster Schönheit und glich einem Göttermädchen. Während also die beiden einander nicht begehrten, wurde doch ihre Vermählung gefeiert. Die beiden aber waren noch nie früher der sinnlichen Lust ergeben gewesen; sie schauten einander nicht einmal begehrlich an; auch im Schlaf hatten sie nichts Unzüchtiges getan: so völlig rein war ihre Tugend.

In der Folgezeit starben die Eltern des Bodhisattva. Nachdem er ihnen die letzte Ehrung erwiesen, rief er seine Gattin zu sich und sprach: „Liebe, nimm du dein Vermögen von achthundert Millionen an dich und lebe glücklich!“ Sie erwiderte: „Aber du, Sohn des Edlen?“ Er antwortete: „Ich brauche das Geld nicht. Ich werde in den Himalaya ziehen, dort die Weltflucht betätigen und mir das Heil verschaffen.“ „Wie aber, du Sohn des Edlen, gibt es eine Weltflucht nur für die Männer?“ „Nein, Liebe, es gibt sie auch für die Frauen.“ Darauf versetzte sie: „Darum werde ich den von dir fortgeschleuderten Speichelklumpen(3) nicht annehmen. Auch ich brauche das Geld nicht, auch ich werde die Weltflucht betätigen.“ „Gut, Liebe“, antwortete ihr Gatte.

Darauf spendeten die beiden ein großes Almosen und verließen die Stadt. An einem entzückenden Fleckchen Erde errichteten sie sich eine Einsiedelei und betätigten hier die Weltflucht. Indem er sie mit Ähren, die beim Sammeln liegen geblieben waren, und mit Waldfrüchten ernährte, verbrachten sie dort zehn volle Jahre; die Fähigkeit zur <abbr title=„Jhana, oder Vertiefung, Konzentration, Sammlung“>Ekstase</abbr> aber wurde ihnen während dieser Zeit nicht zuteil. Nachdem sie dort im Glück der Weltflucht zehn Jahre geblieben waren, wanderten sie, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, durch das Land; dabei gelangten sie allmählich bis nach Benares und blieben dort im königlichen Parke.

Als nun eines Tages der König den Parkwächter sah, wie er mit einem Geschenke zu ihm kam, sagte er zu ihm: „Wir wollen uns im Parke ergehen, richte den Park dazu her!“ Als dann der Park von jenem wohl gereinigt und hergerichtet war, begab er sich mit großem Gefolge dorthin. In diesem Augenblicke saßen jene beiden Leute an einer Seite des Parkes, über das Glück der Weltflucht nachdenkend. Während nun der König im Parke umherwandelte, sah er die beiden, wie sie dasaßen. Als er die äußerst liebliche Asketin, die die höchste Schönheit zur Schau trug, betrachtete, wurde sein Herz an sie gefesselt. Vor sinnlicher Lust zitternd dachte er: „Ich will sogleich fragen, in welchem Verhältnis diese Asketin zu jenem steht“; und er ging zu dem Bodhisattva hin und fragte: „Du Weltflüchtling, was ist dir diese Asketin?“ Jener antwortete: „O Großkönig, sie ist mir nichts; wir haben nur zusammen die Weltflucht betätigt. In meiner Laienzeit war sie meine Dienerin.“

Als dies der König hörte, dachte er bei sich: „Sie steht mit ihm in keinem Verhältnis, sondern sie war nur während seiner Laienzeit seine Dienerin. Wenn ich sie ihm aber durch die Macht meiner königlichen Gewalt wegnehmen und mich mit ihr entfernen würde, was wird er da tun? Ich werde ihn sogleich ausforschen.“ Und er ging zu ihm hin und sprach folgende erste Strophe:

[§1] Hover: 49. Yo te imaṃ visālakkhiṃ, piyaṃ samhitabhāsiniṃ [sammillabhāsiniṃ (sī. pī.), sammillahāsiniṃ (syā.)]; Ādāya balā gaccheyya, kiṃ nu kayirāsi brāhmaṇa. „Wenn einer dir die Anmutvolle, die Liebe, die hold Redende(4) wegnehmen würde mit Gewalt, was würdest du da tun, Brahmane?“

Als aber der Bodhisattva dessen Rede vernahm, sprach er folgende zweite Strophe:

[§2] Hover: 50. Uppajje [uppajja (sī. pī.)] me na mucceyya, na me mucceyya jīvato; Rajaṃva vipulā vuṭṭhi, khippameva nivāraye [nivārayiṃ (ka.)]. „Wenn es entsteht, lass ich's nicht frei, nicht wird es frei mein Leben lang; so wie ein Regenguss den Staub, so muss man dieses rasch bezwingen.“

So stieß der Bodhisattva den Löwenruf aus.

Obwohl aber der König diese Worte vernommen hatte, konnte er in seiner blinden Torheit seinen verliebten Sinn nicht zügeln, sondern er gab einem seiner Minister folgenden Auftrag: „Führe diese Asketin in den königlichen Palast.“ Dieser erwiderte: „Gut“; er nahm die Frau mit sich, die immer klagte: „Das Unrecht gilt auf der Welt, das Unziemliche“, u. dgl., und entfernte sich. Als der Bodhisattva ihre Klagelaute hörte, schaute er sie ein einziges Mal an; weiter blickte er nicht mehr hin. So führten sie die Weinende und Jammernde nach dem Palaste des Königs.

Auch der König von Benares blieb nicht länger im Parke, sondern begab sich rasch nach seinem Hause. Er ließ die Bettelnonne zu sich rufen und lud sie mit großer Ehrung ein. Sie aber sprach nur von den Nachteilen der weltlichen Ehre und von dem Vorzug der Weltentsagung. Da nun der König auf keinerlei Weise ihren Sinn für sich gewinnen konnte, verbrachte er sie in ein Gemach. Er dachte aber bei sich: „Diese Bettelnonne wünscht nicht eine derartige Ehrung; auch der Asket zürnt mir, weil ich eine solche Frau mit mir fortgenommen habe, und hat nicht einmal hingeblickt. Die Weltflüchtlinge aber kennen viele Zauberlisten; er könnte irgend etwas anwenden und mir Schaden zufügen. Ich will sogleich zu ihm hingehen und sehen, was er während seines Niedersitzens tut.“ Er konnte nicht warten und begab sich sogleich nach dem Parke.

Dort saß gerade der Bodhisattva und nähte sich sein Obergewand. Der König kam leise heran mit kleinem Gefolge, ohne mit seinen Schritten Geräusch zu machen. Der Bodhisattva aber schaute den König nicht an, sondern nähte an seinem Gewande weiter. Jetzt meinte der König, jener wolle aus Zorn nicht mit ihm reden, und dachte bei sich: „Dieser falsche Asket hat zuerst gesungen: ‘Ich werde den Zorn nicht in mir entstehen lassen; auch wenn er entstanden ist, werde ich ihn rasch unterdrücken.’ Jetzt aber ist er durch seinen Zorn verstockt geworden und redet deshalb nicht mit mir.“ Und er sprach folgende dritte Strophe:

[§3] Hover: 51. Yaṃ nu pubbe vikatthittho [vikatthito (ka. sī. syā. ka.)], balamhiva apassito; Svajja tuṇhikato [tuṇhikato (sī.), tuṇhikkhako (pī.)] dāni, saṅghāṭiṃ sibbamacchasi. „Nachdem du vorher hast geredet und laut geprahlt mit deiner Kraft, bist du jetzt plötzlich stumm geworden und sitzest da und nähst dein Kleid.“

Als dies der Bodhisattva hörte, dachte er: „Dieser König meint, ich rede ihn aus Zorn nicht an; ich will ihm sagen, dass ich nicht in die Gewalt des Zornes geriet, der in mir aufstieg.“ Und er sprach folgende vierte Strophe:

[§4] Hover: 52. Uppajji me na muccittha, na me muccittha jīvato; Rajaṃva vipulā vuṭṭhi, khippameva nivārayiṃ. „Es wuchs in mir, doch ward's nicht frei, nicht wird es frei mein Leben lang; so wie ein Regenguss den Staub, so drängte ich es rasch zurück.“

Da dies der König hörte, dachte er bei sich: „Redet nun dieser so in Bezug auf den Zorn oder in Bezug auf irgendeine Kunst? Ich will ihn sogleich fragen.“ Und ihn fragend sprach er folgende fünfte Strophe:

[§5] Hover: 53. Kiṃ te uppajji no mucci, kiṃ te na mucci jīvato; Rajaṃva vipulā vuṭṭhi, katamaṃ tvaṃ nivārayi. „Was wuchs in dir und ward nicht frei, was wird nicht frei dein Leben lang? Was hast du rasch zurückgedrängt so wie ein Regenguss den Staub?“

Als dies der Bodhisattva vernahm, antwortete er: „O Großkönig, so bringt der Zorn so manchen Schaden und verursacht schweres Verderben. Eine Anwandlung davon hatte mich ergriffen, doch aus Liebesbetätigung unterdrückte ich sie.“ Und um ihm den Nachteil des Zornes zu schildern, sprach er folgende Strophen:

[§6] Hover: 54. Yamhi jāte na passati, ajāte sādhu passati; So me uppajji no mucci, kodho dummedhagocaro. „Bei dem man, wenn es kommt, nichts sieht, doch wenn es nicht kommt, sieht man wohl, das wuchs in mir, doch ward's nicht frei, der Zorn, der Törichten Gewohnheit. [§7] Hover: 55. Yena jātena nandanti, amittā dukkhamesino; So me uppajji no mucci, kodho dummedhagocaro. Bei dem, wenn es entsteht, sich freuen die Feinde, die uns Böses wollen, das wuchs in mir, doch ward's nicht frei, der Zorn, der Törichten Gewohnheit. [§8] Hover: 56. Yasmiñca jāyamānamhi, sadatthaṃ nāvabujjhati; So me uppajji no mucci, kodho dummedhagocaro. Bei dem, wenn es entsteht, man auch den eignen Nutzen nicht erkennt, das wuchs in mir, doch ward's nicht frei, der Zorn, der Törichten Gewohnheit. [§9] Hover: 57. Yenābhibhūto kusalaṃ jahāti, parakkare vipulañcāpi atthaṃ; Sa bhīmaseno balavā pamaddī, kodho mahārāja na me amuccatha. Von dem besiegt man selbst sein Glück gibt preis und auch den größten Vorteil lässt entfliehen, der Zorn, der heergewaltige Zerstörer, der, mächt'ger König, ward in mir nicht frei. [§10] Hover: 58. Kaṭṭhasmiṃ matthamānasmiṃ [manthamānasmiṃ (pī.), maddamānasmiṃ (ka.)], pāvako nāma jāyati; Tameva kaṭṭhaṃ ḍahati, yasmā so jāyate gini. Wenn dürres Holz gerieben wird, so kann ein Feuer wohl entstehen; und dieses selbe Holz verbrennt das Feuer, das in ihm entstanden. [§11] Hover: 59. Evaṃ mandassa posassa, bālassa avijānato; Sārambhā [sārabbhā (ka.)] jāyate kodho, sopi teneva ḍayhati. So geht's bei einem dummen Manne, bei einem Tor, der nichts versteht; durch zorn'ge Worte kommt's zum Zorn und jener wird von ihm verzehrt. [§12] Hover: 60. Aggīva tiṇakaṭṭhasmiṃ, kodho yassa pavaḍḍhati; Nihīyati tassa yaso, kāḷapakkheva candimā. Bei wem der Zorn sich stark verbreitet, so wie in Gras und Holz das Feuer, bei dem verschwindet Ehr' und Ruhm, gleich wie der Mond zur Neumondszeit(5). [§13] Hover: 61. Anedho [anindho (sī. ka.), anindo (syā.)] dhūmaketūva, kodho yassūpasammati; Āpūrati tassa yaso, sukkapakkheva candimāti. Wer aber seinen Zorn besänftigtwie Feuer, dem der Brennstoff fehlt, bei dem vergrößert sich der Ruhm gleich wie der Mond zur Vollmondszeit.“ —

Als der König die Predigt des Bodhisattva vernommen, war er hocherfreut darüber. Er rief einen Minister herbei, ließ die Bettelnonne herbeiholen und sprach: „Herr zornbefreiter Asket, bleibt ihr beide in diesem Parke wohnen und denkt über das Glück der Weltentsagung nach; ich werde euch in der richtigen Weise beschützen und behüten.“ Darauf bat er sie um Verzeihung, erwies ihnen seine Ehrerbietung und entfernte sich. Die beiden aber blieben dort wohnen. In der Folgezeit starb die Asketin. Nach ihrem Tode kehrte der Bodhisattva nach dem Himalaya zurück, erlangte die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten und betätigte die Vollendungen(6). Darnach gelangte er in den Brahma-Himmel.

[§C] Hover: Schlußworte und Auflösung

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Wahrheits-Verkündigung aber gelangte jener zornige Mönch zur Frucht der Nichtrückkehr): „Damals war die Bettelnonne die Mutter Rāhulas, der König war Ananda, der Asket aber war ich.“

Ende der kleinen Erzählung von Bodhi

Anmerkungen:

<dl>

1.

Im Gegensatz zur großen Erzählung von Bodhi, dem Maha-Bodhi-Jātaka (Nr. 528).

2.

Auf Deutsch: „Prinz Erkenntnis“.

3.

Ein auch sonst oft gebrauchter Ausdruck für den Reichtum, auf den man aus

Liebe zum Asketenleben verzichtet.

4.

Dies Wort „sammillabhasini“ ist der Name einer jungen Asketin im Jātaka 328, das in seinem ersten Teile große Ähnlichkeit mit unserm Jātaka

zeigt.

5.

Wörtlich: „in der dunklen Monatshälfte“.

6.

Unter Vollkommenheiten, pali „samapatti“, sind die verschiedenen Stufen

der <abbr title=„Jhana, oder Vertiefung, Konzentration, Sammlung“>Ekstase</abbr> verstanden, während die Vollendungen, pali „brahmavihara“, in der vollkommenen Güte gegen alles Leben bestehen, nämlich in der Betätigung der vier „appamanna“ (Freundlichkeit, Mitleid, Milde und Gleichmut).

</dl>

de/tipitaka/sut/kn/j/j09/j443.txt · Zuletzt geändert: 2019/10/30 13:23 von Johann